Long COVID – Ein Nocebo?

Angeblich existiert für jeden von uns irgendwo ein böser Zwilling (außer natürlich man ist es selbst). So verwundert es nicht, dass auch der Placebo-Effekt einen dunklen Gegenpart besitzt: Den Nocebo-Effekt. Wie der Name vermuten lässt, verursacht führt hier der Glaube an eine schädliche Wirkung auf den Körper zu genau dieser. Es macht also nicht bloß die Dosis das Gift, sondern auch die Einstellung. Einsamkeit etwa, wird inzwischen als ähnlich lebensverkürzend wie Rauchen angesehen.

Der Gedanke, dass die Ursache für gewisse Krankheiten im Kopf des Patienten zu suchen ist, erscheint daher nicht abwegig.

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie erregte diesbezüglich Aufmerksamkeit: Die Autoren verglichen eine Gruppe von Long COVID-Patienten mit gesunden Menschen – und fanden keine biochemischen Unterschiede: Nicht was die Anzeichen einer Virusinfektion, nicht was die Entzündungswerte, nicht was das Immunsystem generell betraf.

Kritische Geister mögen jetzt anmerken, nichts zu finden sei keine Kunst. Tatsächlich lassen sich (menschliche) Fehler nie ganz ausschließen. Ja, mathematisch gesehen ist es sogar unmöglich zu beweisen, dass ein Messergebnis nicht bloß durch Zufall zustande kam. Aber gut, auch die Mathematik kann sich nicht selbst beweisen.

Begnügen wir uns fürs Erste also damit, die Ergebnisse der Publikation anzuerkennen. Dies führte zu einer interessanten Überlegung: Könnte es sein, dass Long COVID psycho-somatischen Ursprungs ist? Existiert die Krankheit also (in erster Linie) im Kopf?

Besagte Studie lässt zumindest Schlüsse in diese Richtung zu: Es wird erwähnt, dass bei Frauen, welche unter Angstzuständen leiden, das Risiko für Long COVID erhöht ist.

Das soll natürlich nicht heißen, dass die Krankheit nur auf Einbildung beruht. Nein, die Symptome sind ohne Zweifel real – aber wie heißt es in der Matrix so schön: In deinem Kopf wird es real. Könnte man also an „Long COVID without COVID“ erkranken? Bieten umgekehrt die richtigen Gedanken den besten Schutz?

Angesichts dieser Überlegungen fühle ich mich an das chronische Erschöpfungssyndrom erinnert. Auch hier konnte eine (klare) biochemische Ursache bislang nicht entdeckt werden. Dies schließt eine solche selbstverständlich nicht aus.

Interessanterweise gibt es Untersuchungen, die der Nocebo-Hypothese nicht bloß widersprechen, sondern sogar in die entgegengesetzte Richtung deuten: Eine Infektion mit COVID-19 scheint das Risiko für psychische Störungen zu erhöhen.

Hier bekommt das alte Sprichwort, „ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“ eine neue Bedeutung.

Zurück zur Ursachenforschung: Wenn Long COVID seine Wurzeln tatsächlich in der Psyche hat, müsste das Auftreten der Krankheit mit der Berichterstattung darüber korrelieren. Nachrichten sind schließlich effektive Stimmungsmacher (Quelle nicht notwendig). Da sich diese zusehends auf andere Katastrophen verlagern wäre ein Rückgang der Long COVID-Fälle zu erwarten.

Ist dagegen etwa ein Erreger verantwortlich, so könnte dieser für Vieles mehr verantwortlich sein. Tatsächlich gibt es Hinweise auf ein Zusammenspiel zwischen dem Herpes Simplex Virus (HSV) COVID-19. Sollte HSV der Schuldige sein, wären das aber wenig aufmunternde Neuigkeiten. Man geht davon aus, dass 90 % der Weltbevölkerung dieses Virus in sich tragen. Hinzu kommt, dass man den Erreger nie mehr ganz los wird, auch wenn es Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Andererseits heizen Katastrophen Kreativität und Forschertrieb an. Vielleicht beschert und die Pandemie neben neuen Impfstoffen also auch endlich eine echtes Heilmittel gegen einen Gegner, der die Menschheit schon lange plagt. Und vielleicht sind wir dann so manche Krankheit los, von der wir gar nicht wussten, wie wir sie überhaupt bekommen. In der Sci-Fi zumindest darf man ja hoffen.

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