Wer fürchtet sich vorm Blob?

Es kommt nicht selten vor, dass ein echtes Lebewesen als Inspirationsquelle für ein fiktives Monster dient. Bekannte Beispiele sind etwa der “Zombiepilz” aus “The Last of Us” (Ophiocordyceps unilateralis), oder eine der unzähligen Versionen des „Kraken“ (Riesenkalmar). Manchmal jedoch ist es umgekehrt: Der Schleimpilz Physarum polycephalum etwa verdankt seinen Spitznamen einem Horrorklassiker aus dem Jahre 1958: Der Blob. Im Gegensatz zu seinem Namensvetter ist P. polycephalum für den Menschen jedoch harmlos. Oder vielleicht doch nicht? Über welche Eigenschaften müsste unser kleiner Schleimpilz verfügen, um dem Namen „Blob“ tatsächlich gerecht zu werden? Und welche besitzt er bereits?

Fangen wir mit den Gemeinsamkeiten an. Beide Blobs haben keine feste Gestalt, sondern passen diese ihrer Umgebung an bzw. ihren Bedürfnissen an. Das Filmmonster bildet Tentakel aus, um seine Nahrung zu fangen – der Schleimpilz Zellfortsätze (welche optisch Tentakeln gar nicht so unähnlich sind). Sind sie mit ihrer „Jagd“ erfolgreich, können beide Lebewesen beeindruckende Größen erreichen. Das Filmmonster wuchs bis zur Größe eines Hauses. Der „echte Blob“ kann da nicht ganz mithalten. Dafür stellte eine Exemplar den Rekord für die größte lebende Zelle (der Organismus besteht nur aus 1 einzigen) auf: 900 cm² (Kessler, 1982). Eine unsichere Quelle spricht von gar 5,54 m². Für ein Monster wäre das schon durchaus annehmbar. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der echte sich im Gegensatz zum fiktiven Blob recht leicht und schnell vermehrt. Tausende kleinerer Monster können einem einzigen großen durchaus Konkurrenz machen. Doch zwischen den beiden Lebewesen gibt es noch eine Reihe weiterer Unterschiede. Fassen wir die (für einen Horrorfilm) wichtigsten kurz zusammen:

Echter Blob
Film-Blob
Farbe
Gelb
Rosarot
Lieblingsnahrumg
(Menschen-)Fleisch
Haferflocken (im Labor)
Fortbewegungsart
Kriechen und springen
Kriechen
Max. Geschwindigkeit
20 km/h (geschätzt)
5 cm/h
Widerstandsfähig gegen
Feuer, Explosionen, Kugeln
Hunger, Zerteilungen, Zeit
Empfindlich gegen
Kälte
Das meiste, was Lebewesen so tötet
Aussonderung
Säure bzw. Verdauungssekret
Schleim

In seinem Filmauftritt im Jahre 1988 schaffte es der Blob (knapp) nicht, die zwei zu Fuß fliehenden Helden zu fangen. Der Geschwindigkeitsrekord für einen Menschen, aufgestellt von Usain Bolt, beträgt 44,72 km/h. Wie schnell unsere beiden Filmhelden liefen, lässt sich schwer sagen. Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass sie nicht ganz halb so schnell liefen, wie Herr Bolt. Der echte Blob ist in jedem Fall noch eine deutliche Spur langsamer. Allerdings läuft ihm seine Beute auch für gewöhnlich nicht davon.

Um ein wahres Monster zu werden, müsste P. polycephalum also zunächst seine Ernährung umstellen. Pile, welche lebendige Menschen infizieren gibt es (leider) bereits. Zwar verschlingt er sein Opfer nicht wirklich, letzten Endes ernährt sich der Pilz aber vom Körper der unglückseligen Person, die er infiziert hat. Bliebe noch die Geschwindigkeit. P. polycephalum bewegt sich fort, indem er Flüssigkeit durch feine Kanäle, welche seinen Körper durchziehen, pumpt. Diese Fortbewegungsmethode erlaubt ihm zwar, seine Form zu ändern – zum Sprinten ist sie aber wenig geeignet. Der „echte Blob“ müsste also seinem Opfer auflauern, ähnlich einer Zecke, nur dass er noch länger ohne Nahrung auskommt. Interessanterweise verfügt der Blob sogar bereits über die notwendige Intelligenz für ein derartiges Jagdverhalten. P. polycephalum ist in der Lage, in einem Labyrinth den kürzesten Weg zu einer Nahrungsquelle zu finden – und das ganz ohne Gehirn oder Nervensystem. Sein abgesonderter Schleim dient ihm dabei als eine Art ausgelagertes Gedächtnis. Orte, die mit seinem Schleim bedeckt sind, werden vom Blob kein zweites Mal besucht. Für eine fleischfressende Version sollte es also ein leichtes sein, Orte zu finden, an denen er neuen Opfern ideal auflauern kann. Vorausgesetzt natürlich, niemand entfernt seinen Schleim und verwirrt ihn so. Aber jedes gute fiktive Monster braucht eine Schwäche.

Möglicherweise wäre der echte Blob dem fiktiven diesbezüglich sogar in einem Punkt überlegen. Das Filmmonster scheint nicht winterfest zu sein. Bei tiefen Temperaturen wandelt es sich in eine kristalline Form um. Zumindest im Film von 1988 scheint dies zum Tod des Blobs zu führen (im Film aus dem Jahre 1958 geht er lediglich in eine Art Winterschlaf über). P. polycephalum scheint durch Kälte allerdings auch gewisse Schäden zu nehmen. Ein Bad in Eiswasser führt womöglich zu Schäden an seiner Mikrostrukturn. Allerdings erholte er sich davon schnell wieder (innerhalb 1 min), sobald er erwärmt wurde. Das Filmmonster scheint sich etwas langsamer zu erholen. Dafür widersteht es Dingen, die so ziemlich jedes andere Lebewesen in die Knie zwingen: Schüsse aus Sturmgewehren, Angriffe mit Flammenwerfern und sogar explodierende Sprengladungen. Da kann P. polycephalum beim besten willen nicht mithalten. Allerdings bräuchte man jede Menge Munition um eine Horde Blobs zu zerschießen. Zerfetzt man sie lediglich in kleinere Stücke, leben diese selbstständig weiter – bis sie sich wieder vereinigen.

Also ja: Der Blob hätte Horror-Potential. Aber bislang schien er (zum Glück für uns) keinen Bedarf zu haben, dies freizusetzen.

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