Some Desperate Glory: Gut, aber der Mangel an Subtilität ist beklagenswert

Wir alle haben unsere Überzeugungen. Diese der Leserschaft mitzueilen, ohne dabei allzu aufdringlich zu werden, ist eine große Herausforderung. Diese zu meistern, zeichnet ein Meisterwerk aus. Lobgesang auf Leibowitz ist so eines. Der Autor konvertierte zum Katholizismus und wenig verwunderlich kommt die Kirche in seinem Buch gut weg. Doch der Autor vermischt theologische mit philosophischen und soziologischen Themen derart geschickt, dass dies nie aufdringlich wirkt – selbst viele Menschen (natürlich nicht alle), die mit der Kirche wenig anfangen können, bescheinigen dem Werk eine gute Qualität.

„Some Desperate Glory“ (zu Deutsch: „Die letzte Heldin“) hätte auch ein Meisterwerk sein können, wäre es nicht an besagter Aufgabe gescheitert.

Gleich zu Beginn begrüßt uns eine Trigger-Warnung – womit bereits klar gestellt wird, an wen sich das Buch nicht richtet. Na gut, könnte man meinen. Im angloamerikanischen Raum sind Trigger-Warnungen halt üblich. Ja, bei einem Film ergeben solche Hinweise tatsächlich Sinn. Immerhin konsumiert man einen solchen passiv. Ein Buch aber muss man aktiv lesen. Wem der Anfang einer Szene nicht gefällt, kann jederzeit abbrechen. Nun, ich habe nicht abgebrochen. Und stieß auf der übernächsten Seite auf folgendes Zitat: „Lieber kämpfe ich in drei Schlachten, als auch nur ein Kind zu gebären.“

Gut, das Buch beschäftigt sich also kritisch mit dem Thema Mutterschaft. Und nicht nur mit dieser. Im Prolog wird auf gerade einmal drei Seiten zwei Mal darauf hingewiesen, dass Männer besonders aggressiv sind. Und am Ende des Prologs taucht das Wort „bioessenzialistisch“ auf. Das ist bemerkenswert, denn der überwiegende Teil des Buches ist in recht einfacher Sprache verfasst.

Das Sahnehäubchen ist aber die Formulierung „Soldaten und Held*innen“. Nun wissen Leser meines Blogs, dass ich zwar kein wirklicher Fan des Genderns bin, aber niemandem die Freiheit absprechen will, es zu sein. Tatsächlich finde ich es nur passend, dass in einem Buch zum Thema Qeerfeminismus konsequent gendert wird. Aber selektives Vorgehen … Was will uns die deutsche Übersetzung damit sagen? Natürlich gab es in der Geschichte der Menschheit Soldat*innen.

Und es geht munter weiter. Das ganze Universum ist sexuell sehr aufgeschlossen. Das ganze Universum? Nein, eine kleine Gruppe von Fieslingen huldigt dem Faschismus. Einer etwas seltsamen Form von Faschismus. Dieser setzt Frauen als Soldat*innen ein, bringt aber gleichzeitig 1/3 der eigenen Schwangeren um. Warum? Weil … äh … selbst Faschist*innen begreifen, dass Frauen kämpfen können … nur … äh … sind sie frauenfeindlich und böse, weshalb sie nicht zu viele Soldat*innen wollen … oder so. Angeführt werden die Bösen natürlich von einem alten weißen, heterosexuellen Mann. Der noch dazu ein Vergewaltiger ist.

Von den Protagonist*innen dagegen ist ein großer Teil homosexuell oder erkennt dies im Laufe der Handlung. Allerdings sind die einzigen zwei nicht-binären Charaktere Aliens und keine Menschen. Vergleichsweise klischeehaft erhält die weiße Protagonistin eine schwarze Freundin zur Seite gestellt. Phasenweise entsteht somit der Eindruck, die Autorin arbeite eine Checkliste ab, ohne sich mit den entsprechenden Thematiken tatsächlich auseinanderzusetzen.

Ähnlich verhält es sich mit einer Reihe spannender Ideen (Die beste aller möglichen Welten), welche aber nur angesprochen und daher von der dominanten, feministischen Denkschule überrollt werden. Ironischerweise stellt die Autorin selbst fest, dass viele Leser*innen die Brexit-Allegory übersehen. Nun, ich bin Teil dieser Leserschaft. Bei totalitären, Schwangere mordenden Faschist*innen fühle ich mich einfach nicht an Großbritannien erinnert.

Dieser Mangel an Subtilität ist beklagenswert. Denn bis auf eine ungelenke Wendung (das entsprechende Deus ex machina ist sehr ausgelutscht), liest sich das Werk angenehm flüssig. Die Entwicklung der Protagonistin ist glaubhaft und die Dialoge wirken authentisch. Ein wenig mehr Subtilität und „Some Desperate Glory“ wäre ein Meisterwerk geworden.

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