
Animierte Serien sind oft sehr phantastisch – das Medium lädt schließlich dazu ein, in eine fremde Welt einzutauchen. Da kann man auch gleich ein paar Naturgesetze hinter sich lassen.
Einige wenige Werke aber wagen den Schritt, den Zuschauer in eine Version der Wirklichkeit zu entführen, die realistisch, oder zumindest plausibel wirkt. Planetes brilliert hier. Wie bei guter Sci-Fi üblich, bildet und unterhält sie gleichzeitig. Tatsächlich war es die Serie, die mir den Begriff Kessler-Syndrom erst nahegebracht hat.
Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei um einen Zustand, bei dem Reisen ins All unmöglich geworden sind – weil wir den Orbit komplett zugemüllt haben.
Planetes ist aber nicht einfach nur eine weitere Dystopie. Nein, sie beschreibt, wie die Menschheit versucht, sich selbst wieder aus dem Dreck zu ziehen. Wortwörtlich, denn die Protagonisten arbeiten bei der Weltraum-Müllabfuhr. Ein Karriereweg, den es tatsächlich schon bald geben könnte.
In bester Tradition der Hard Sci-Fi werden den Zuschauern die Tücken des Astronautendaseins vor Augen geführt: Von der Notwendigkeit Windeln zu tragen bis hin zu berufsbedingten Krankheiten. Trotz vieler technischer Erklärungen wirkt die Serie aber niemals trocken oder gar steril. Dafür sorgen unter anderem wiederkehrende moralische Dilemmas, mit denen sich die Protagonisten konfrontiert sehen. Immer wieder müssen sie ihr eigenes Handeln hinterfragen. Etwa, wenn sich ein scheinbares Stück Müll als Relikt von (scheinbar) unschätzbarem moralischen Wert erweist. Oder, wenn die Wertvorstellungen eines alten Hasen mit denen einer Berufseinsteigerin kollidieren. Genau hier liegt vielleicht die größte Stärke von Planetes.
Anders, als bei vielen ähnlichen Werken, sind die Charaktere sehr viel mehr als nur Vehikel um den Handlungsstrang voranzutreiben. Ihre allzu menschlichen Schwächen und Stärken werden glaubwürdig portraitiert – selbst vielen der Nebencharaktere wird Tiefe verliehen.
Und, was vielleicht noch seltener ist: Gleich mehrere starke Frauen (jawohl, Plural) nehmen eine prominente Rolle ein. Und keine von ihnen kommt dem Klischee einer Mary Sue auch nur im Ansatz nahe.
Die Ecken und Kanten der Charaktere bieten auch jede Menge Raum für Humor. Etwa wenn eine erfahrene Expertin auf einen Schlag gar nicht mehr so abgebrüht wirkt, weil sie ihrer Nikotinsucht nicht frönen kann. Oder wenn sich ein furchtloser Held zu einer Rettungsaktion hinreißen lässt, die er nur aufgrund von Glück (und geringer Schwerkraft) geradeso überlebt.
Müsste ich Planetes mit einem Wort beschreiben, so wäre dies „ausbalanciert“. Humor, tiefgründige Charaktere, Realismus, Technik. Selten sieht man diese Aspekte so harmonisch miteinander vereint.