Ein paar Gedanken zum Fermi-Paraxon und der Dunkler-Wald-Theorie

Spoilerwarnung: Ich schreibe über die zentrale Idee des ausgezeichneten Romans „Der Dunkle Wald“.

Wenn es Aliens gibt, wieso finden wir sie dann nicht? Dieses scheinbare Paradoxon ist eines der spannendsten und häufigsten diskutierten der Sci-Fi. Leicht abgewandelt lässt es sich auf fast jede ihrer Thematiken anwenden:

  • Wenn Zeitreisen in die Vergangenheit möglich sind, wieso hat davon noch niemand etwas mitbekommen?
  • Wenn bemannte, interstellare Reisen wirklich möglich sind, wieso schaffen wir es nicht einmal bis zum Mars? (Der Durchmesser des Sonnensystems allein beträgt 2 – 3 Lichtjahre, wenn man die Oortsche Wolke, als ihre Grenze akzeptiert).
  • Wenn es die perfekte Diktatur gibt, wieso hat sie noch niemand errichtet?
  • Etc.

Das Schöne an der Sci-Fi ist jedoch, dass für jedes gedankliche Problem gleich mehrere Lösungsansätze existieren. Einer davon ist die sogenannte „Dunkler-Wald-Theorie“, die im gleichnamigen Roman von Liu Cixin behandelt wird.

Sie beruht auf der Annahme, dass Zivilisationen den Kontakt zueinander bewusst vermeiden, aus Angst dadurch ausgelöscht zu werden. Diesem Prinzip folgend, müsste eine entsprechend hoch entwickelte Zivilisation, eine andere vorsorglich auslöschen, sobald sie deren Standort erfährt.

Die vielleicht größte Stärke der Dunkler-Wald-Theorie ist ihre Ähnlichkeit zur Logik des Kalten Krieges. Wenn auf der Erde ein Gleichgewicht des Schreckens stattgefunden hat, wieso dann nicht auch im gesamten Universum?

Damit die Theorie Bestand hat, müssen jedoch eine Reihe von Annahmen zutreffen.

  1. Es muss möglich sein, eine Zivilisation mit einem Schlag auszulöschen
  2. Der Schlag darf nicht abgewehrt werden können.
  3. Der Schlag darf keinen Konter auslösen – auch nicht von einer 3. Partei
  4. Der Schlag darf nicht zurückverfolgt werden könnenKeine dieser Punkte wurde während des Kalten Kriegs vollständig erfüllt. Ein umfassender Atomangriff mit ballistischen Raketen kann zwar auch heute nicht abgewehrt werden, Teile davon jedoch sehr wohl – was die Wirkung des Vernichtungsschlages (zumindest etwas) abmildern würde.

Im Roman werden die Punkte folgendermaßen gelöst:

  1. Man sprengt die Sonne, um die der Planet des Ziels kreist (wenn das nicht wirkt, gibt es eine zweite Methode).
  2. Der Schlag wird von einem Raumschiff und nicht von einem Planeten aus durchgeführt.
  3. Andere Parteien sind zu weit weg, um einzugreifen, oder längst ausgelöscht.
  4. Es fliegen so viele Raumschiffe durch das All, dass man nicht sagen kann, wer geschossen hat.

Speziell die zweite Art, des im Roman beschriebenen Vernichtungsschlages, beginnt recht unscheinbar. Der Angriff wäre also recht leicht zu tarnen. Was ist aber mit den Raumschiffen selbst? Wieso sich mit dem Sprengen von Sonnen abmühen (ist relativ anstrengend), wenn man einfach Jagd auf feindliche (das heißt alle, in gewisser Nähe zur eigenen Heimat, befindlichen) Raumschiffe machen kann? Interessanterweise sind die im Buch beschriebenen Antriebe tatsächlich kaum zu tarnen. Somit sind deren Flugrouten zumindest teilweise rückverfolgbar.

Hierin liegt also ein Widerspruch: Um verhindern, dass man durch andere Zivilisationen entdeckt wird, muss man sich selbst (zumindest teilweise) offenbaren.

Tarnkappenraumschiffe wären eine Möglichkeit, den Widerspruch aufzulösen. Ihr Einsatz würde aber voraussetzen, dass ihre Erbauer ihren Gegnern technisch weit voraus sind. Das Prinzip des Kalten Krieges beruht jedoch darauf, dass sich beide Seiten mehr oder weniger ebenbürtig sind. Ansonsten gäbe es keinen Grund, den Feind nicht anzugreifen. Könnten sich alle Parteien perfekt tarnen, wäre ein Vernichtungsschlag wiederum nicht durchführbar.

Interessanterweise bietet der Autor in seinem nächsten Roman „Jenseits Der Zeit“ einen Ausweg aus diesem Dilemma: Einige Zivilisationen spielen eine Art galaktisches „Schiffe-Versenken“. Sprich sie „Schießen“ einfach das gesamte Universum kaputt, in der Hoffnung den Feind zu treffen.

Wenn man bedenkt, dass der Motivationsgrund hinter dem Gleichgewicht des Schreckens, das eigene Überleben ist, macht so ein Vorgehen allerdings recht wenig Sinn. Man befindet sich also in einer logischen Sackgasse. Dass dem so ist, wird auch beim Lesen von „Jenseits Der Zeit“ leider recht schnell deutlich. Eine Lösung dieses Dilemmas wird zwar ansatzweise angeboten, sie wirkt jedoch wenig überzeugend.

Spätestens hier drängt sich somit die Frage auf, ob die „Dunkler-Wald-Problematik“, zur Auflösung des Fermi-Paradoxons tatsächlich geeignet ist.

Eine „einfachere“ Erklärung wäre natürlich die Existenz von intelligenten Aliens einfach auszuschließen. Aber das ist ein Thema für einen anderen Beitrag.

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