Leseprobe: Becquerelsche Ränke

Dies ist der Anfang meines Romans „Becquerelsche Ränke“, der diesen Monat (Oktober 2021) erscheint. Es handelt sich um die Fortsetzung von „Becquerelsche Träume“.

»Frau General!« Der hünenhafte Soldat grüßte Cynthia Skotia zackig. »Der Verdächtige wartet im Verhörzimmer auf Sie!«
Gelassen führte die Offizierin ihre Hand an die Schläfe und erwiderte den Gruß. »Stehen Sie bequem, Korporal«, wies sie ihren Untergebenen sanft an. Ruckartig verschränkte der Soldat die Arme hinter seinem Rücken. Skotia senkte für einen Moment ihren Blick und der Ansatz eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. Die pechschwarzen Stiefel des Soldaten hoben sich glänzend vom mattgrauen Kunststoffboden der Kaserne ab. Doch knapp oberhalb einer der Sohlen stach eine bräunliche Schramme hervor.
Skotia sah nach oben und musterte die dunklen Augen, die über sie hinweg die Wand anstarrten. Obwohl der Korporal um mehr als nur einen Kopf größer war, wagte er es nicht, seinen zu senken.
»Armer Idiot«, dachte Skotia. Vor einem General mit dreckigen Schuhen zu erscheinen, war inakzeptabel.
Wortlos wandte sich die Offizierin von dem Soldaten ab und dem halbdurchlässigen Spiegel vor sich zu. Der Mann, der einsam auf dem metallenen Sessel im Verhörzimmer saß, war Skotias eigentliche Zielperson. Abwertend rümpfte die Offizierin die Nase. Seinen Rücken hielt ihr Gast zwar aufrecht, die Beine dafür verkrampft geschlossen. Seine Arme waren ebenfalls etwas zu eng vor der Brust verschränkt, um trotzig zu wirken.
»Was sagen Sie zu unserem Gast, Herr Korporal?«, fragte Skotia milde lächelnd den Soldaten neben sich.
Der Mann zögerte kurz. »Er hält sich wohl für einen ganz harten Kerl, Frau General«, antwortete er.
»Und was schlagen Sie vor?« Skotia strich sich scheinbar gedankenverloren durch die blonden Haare.
Der Riese räusperte sich betreten. »Der, ähm, braucht die harte Tour, Frau General«, presste er hervor.
Skotia nickte scheinbar zustimmend. Von einem Einfaltspinsel war keine andere Antwort zu erwarten. Es gab eben einen Grund, wieso sie im Offiziers- und der Soldat neben ihr nur im Mannschaftsrang stand. Sie musterte den Korporal aus den Augenwinkeln, darauf bedacht, dass er ihre Blicke nicht wahrnahm. Mit seinen über zwei Metern Körpergröße und den Muskelbergen, die sich unter seiner enganliegenden, schwarzen Uniform wölbten, war er perfekt dafür geeignet, um Gefangene einzuschüchtern. Hier aber war diese Fähigkeit wenig hilfreich. Skotia richtete den Blick wieder auf ihren Gast jenseits des halbdurchlässigen Spiegels.
»Vito Lapis, 38 Jahre, alleinstehend, keine Geschwister, Vater und Mutter getrennt lebend, ehemaliger Gefreiter und Mitglied des Wächterkorps«, rezitierte sie aus ihrem Gedächtnis. Die Offizierin gestattete sich, kurz den Mund zu verziehen. Ihre azurblauen Augen, die sich in dem Glas vor ihrem Gesicht spiegelten, zwinkerten vielsagend. Dann gefror ihr Blick. Ein letztes Mal nahm sie den Mann ins Visier. Seit sie ihn beobachtete, hatte er sich keinen Zentimeter bewegt. Einen Anfänger würde er mit solchen Tricks täuschen. Skotia aber war lange genug im Dienst, um auf einen Schlag zu erkennen, ob jemand eiskalt war – oder von Kälte gepackt wurde.
»Ich kümmere mich um ihn. Warten Sie hier auf mich, bis ich Sie aufrufe, Korporal«, befahl Skotia dem Soldaten.
»Jawohl, Frau General.« Ohne zu blinzeln, starrte der Riese geradeaus. Erst, nachdem die Offizierin hinter der Tür zum Verhörzimmer verschwand, senkte er erleichtert seine Lider.
Aufrechten Ganges trat Skotia in den Raum ein. Ein Schwall kühler Luft schlug ihr entgegen. Sie ließ ihn lächelnd von sich abprallen. Das Thermostat stand genauso unter ihrer Kontrolle, wie alles andere hier. Auf ihren Befehl hin, würde sich der Raum mit wohliger Wärme füllen. Aber wozu voreilig die Stimmung verderben?
»Hauptwächter Vito Lapis«, grüßte Skotia mit sanfter Stimme und setzte sich dem Mann gegenüber an den silbrig glänzenden Metalltisch. Ihr Lächeln entblößte eine Reihe perlweißer Zähne. Sie könnten farblich kaum besser zu den gekachelten Wänden passen. »Sehr erfreut Sie kennenzulernen. Ich bin General Cynthia Skotia.« Sie hielt ihm die Hand hin. Er rührte keinen Finger. Ihr Lächeln nicht eine Spur schmälernd, zog sie ihren Arm zurück. Die meisten ihrer Kollegen hätten ihren Gast spätestens jetzt zusammengestaucht. Doch ihnen wäre das leichte Zittern von Lapis’ Unterkiefer nicht aufgefallen. Skotia aber war keine Anfängerin. »Wie geht es Ihnen?«, fragte die Offizierin betont freundlich.
Die Stirn runzelnd, starrte Lapis auf das seltsam natürliche Gesicht vor sich. Die Lippen waren nicht aufgeplustert, oder verschwindend schmal. Die Tränensäcke unter den Augen mündeten fast, aber nicht vollkommen nahtlos in die Wangen. Die kurzen, blonden Haare, die der Frau etwa bis an die Ohrläppchen reichten, glänzten unaufdringlich matt im Licht der Deckenlampe. Der Mann räusperte sich.
»Lassen Sie sich ruhig Zeit«, hörte er eine Mädchenstimme sagen. Lapis unterdrückte ein Murren. Weibliche Soldaten hatte er schon genügend getroffen. Jugendlich wirkende Rekruten waren ebenfalls nicht selten. Lapis starrte auf die schwarze Uniform vor sich. Die Raumstreitkräfte schmückten sich nicht zu Unrecht mit der Farbe des Weltalls. Das goldbestickte Abzeichen eines Generals, passte aber nichts ins Bild. Vor allem vertrug es sich nicht mit dem Gesicht einer Zwanzigjährigen.
»Habe ich etwas an den Augen?«, fragte Skotia und schlug spöttisch die Lider nieder.
»Alles wunderbar«, knurrte Lapis und verzog den Mund. Eitle Offiziere hatte er in seinem Leben genug getroffen. All den alten Hasen aber, denen er über den Weg gelaufen war, sah man jedes ihrer Jahre im Feld an. Sie weigerten sich, die Zeichen ihrer Dienstjahre entfernen zu lassen. Diese Blondine aber ließ zusätzlich die Spuren ihrer Verjüngungskuren verschwinden. Lapis’ Blick fiel erneut auf das goldene Abzeichen an der Brust der Frau. Es war sicher nicht weniger verfälscht.
Skotia hob abschätzig eine Augenbraue. Der Mann verlor doch nicht etwa schon bei ihrem bloßen Anblick die Nerven? »Sie wissen, was wir von Ihnen brauchen, Herr Hauptwächter?«, fragte sie fast beiläufig.
»Fragen Sie doch die Profis, die mich die letzten sechs Male verhört haben«, blaffte Lapis. »Sie erkennen sie daran, dass Rang, Gesicht und Dienstalter zusammenpassen.«
»Sie haben uns tatsächlich schon einiges von sich erzählt«, sagte Skotia sinnierend. »Etwa, dass Sie Becquerel mit einem Verwundetentransport verlassen haben. Als einer der ersten Wächter überhaupt.« Sie sah ihn eindringlich an. Sein Kopf war vollkommen kahl. Auf der Schädeldecke, am Kinn und selbst über den Augen, spross kein einziges Haar. Dafür durchzogen dunkle Flecken die Haut. »Man verpasste Ihnen den ein oder anderen Spitznamen«, stichelte sie.
»Lapis, der Bulle«. Er nickte abfällig. »Weil die Strahlung mein Gesicht in einen Fleckenteppich verwandelt hat.« Er zuckte mit den Schultern, als bedeuteten ihm seine Zeichnungen nichts. Skotia schüttelte nur langsam den Kopf. »Anfangs ja«, korrigierte die Offizierin. »Später aber nannte man Sie, ich zitiere: Das feige Rindvieh.« Sie nickte Lapis vielsagend zu. Der breite, fast nahtlos in den Kopf übergehende Nacken und die massigen Schultern passten perfekt zu dem Spitznamen. Und wie wenig Mut der Mann besaß, würde sich bald zeigen.

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