Leseprobe: Becquerelsche Träume

Dies ist der Anfang meines Romans „Becquerelsche Träume“, welcher im Jahr 2017 erschienen ist.

Aus der Ferne drang ein Heulen an mein Ohr und ließ mich aufwachen. „Wir werden angegriffen!“, durchfuhr es mich. Ich drehte hektisch meinen Kopf in alle Richtungen. Kein Angriff. Ich war allein. Meine vor Schmutz starrende Matratze roch schwach modrig. Ich sog das Aroma tief ein. Es war Beweis dafür, dass ich tatsächlich auf der Erde war. Ich überlegte, ob ich noch im Bett bleiben sollte. Viel würde mir dieser Tag nicht zu bieten haben.
Da drang das Heulen ein zweites Mal an mein Ohr. Ich stieß einen Fluch aus, stand auf und schlurfte zum Esstisch. Das Geräusch stammte nicht von einer Alarmsiren, soviel war inzwischen klar. Ob dies meine Situation tatsächlich verbessern würde, musste sich jedoch erst zeigen. Mein Telefon war das einzige funktionierende elektronische Gerät in der Wohnung.
Das war nicht ganz richtig. Könnte ich meine Stromrechung bezahlen, würden die anderen Geräte wieder laufen. Aber bei den aktuellen Energiepreisen war ich bei weitem nicht der einzige, der nachts ein paar Kerzen anzünden musste, wenn er Licht brauchte. Mein Telefon dagegen besaß seine eigene Energiequelle. Irgendwo in seinem Inneren steckte gut verpackt ein radioaktiver Kern. Die Energie seines strahlenden Herzens wurde direkt in Elektrizität umgewandelt. Bis die Energiequelle verbraucht war, war das anzutreibende Gerät schon längst defekt oder zumindest veraltet. Bevor die Energiekrise die Preise in die Höhe getrieben hatte, war für die meisten Menschen beides ein gleichwertiger Kaufgrund gewesen. Ich selbst dagegen hätte das Telefon ja schon längst eingetauscht, wenn es nicht meinem Arbeitgeber gehörte. Permanente Erreichbarkeit war in meinem Beruf ein Muss. Ich konnte es nicht einmal ausschalten. Schlimmer noch. Durch irgendeinen eingebauten Sensor erkannte es meine Anwesenheit. Ich konnte mein Telefon also nicht einmal versehentlich verlegen, ohne dass mein Arbeitgeber es mitbekäme. Lustlos griff ich nach dem Ding. Immerhin hatte mich der Anruf aus einem lästigen Traum befreit. Außerdem war selbst der dämlichste Anruf gut genug, um für einen Moment der Langeweile zu entfliehen. Immer wenn es nichts zu tun gab, fingen meine Gedanken an, um die Vergangenheit zu kreisen. Für heute aber war mein Bedarf an Träumereien gestillt.
Kaum war meine Hand bis auf wenige Zentimeter an das Telefon herangewandert, aktivierte es sich schon. Das Gerät war so sensibel eingestellt, dass es feststellte, wann ich nahe genug war, um den Anruf entgegenzunehmen. Mehr noch, es schien zu erkennen, wann ich alleine war, denn seltsamerweise meldete es sich nur dann. Mein Arbeitgeber überließ wirklich nichts dem Zufall.
„Ein neuer Auftrag. Belohnung 150.000.000. Ferndistanz. Sie haben 10 Minuten sich zu entscheiden“, verkündete eine sanfte Frauenstimme.
Söldneragenturen hatten nicht den besten Ruf. Weder was ihr Mitarbeiter, noch was ihre Aufträge betraf. Durch die Verwendung einer unschuldig klingenden Sprecherin hoffte die Agentur, zumindest letzteres aufzuwerten. 150 Millionen klangen allerdings alles andere als unschuldig. Ich ging zur Pritsche zurück und ließ meinen Kopf wieder auf das Polster fallen.
Es hätte sicher genügend rationelle Gründe gegeben abzulehnen: Da wäre zum einen die Tatsache, dass hohe Prämien meistens Ärger oder Lebensgefahr bedeuteten. Dann war da noch die Gewissheit, dass das Wörtchen „Ferndistanz“ irgendeienen Ort im Nirgendwo andeutete. Die Bezahlung, so gut sie auch war, war kein wirklicher Überzeugungsgrund. Sicher, ich könnte damit meine Stromrechnung zahlen. Ein funktionierender Kühlschrank, der mehr war als nur ein improvisiertes Regal, wäre vermutlich ganz nett. Von dem Rest könnte ich meine Mietschulden begleichen, denn ich war auch damit schon wieder etwas im Rückstand. Nur, wer war das nicht in dieser Armensiedlung? Sollte mich der Vermieter ruhig rauswerfen. Ich würde der Wohnung keine Träne nachweinen.
Da lag ich also nun auf meiner Pritsche, mit einer Liste rationeller Gründe abzulehnen. Die Agentur würde mich nicht zwingen, anzunehmen. Es war unratsam mehrere Angebote hintereinander abzulehnen, aber ich hatte erst vor einer Woche einen Auftrag erledigt und somit noch etwas Spielraum. Es stand mir also frei, „Nein“ zu sagen. Dennoch spürte ich, wie mein Arm zielstrebig auf die „Bestätigen-Taste“ zusteuerte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.