Leseprobe: Die maschinellen Technokraten

Dies ist der Anfang meines Romans „Die maschinellen Technokraten“, welcher im Jahr 2020 erschienen ist.

Mit hochgezogenen Augenbrauen starrte Juliette auf das Telefon in Siegfrieds Hand. „Ich wusste gar nicht, dass solche Dinger noch verwendet werden.“ Ihre Stimme klang ehrlich erstaunt.
„Tja, ich bin da wohl etwas altmodisch.“ Siegfried zuckte mit den Schultern. Er war derartige Reaktionen gewöhnt. Ein funktionierendes Mobiltelefon war inzwischen tatsächlich zum seltenen Anblick geworden. Auf dem Revier war Siegfried der einzige, der noch eines benutzte. Alle seine Kollegen hatten ihre Diensttelefone längst abgegeben – sofern sie überhaupt eines ausgefasst hatten. Gemäß allgemeiner Dienstvorschrift hätte Siegfried sein Gerät ebenfalls vor bereits einiger Zeit abliefern müssen. Doch ab einer gewissen Anzahl von Dienstjahren wurden kleinere Beugungen der Arbeitsregeln toleriert. Siegfried war sich nicht sicher, ob er seinen Sonderstatus als Privileg oder als Brandmarkung interpretieren sollte. Nun, ab heute hatte sich diese Frage ohnehin erübrigt. Ironischerweise war es am Ende keine Nachschärfung der Verhaltensregeln, sondern Siegfrieds Dienstalter, das ihn letztendlich dazu veranlasste, sein Telefon abzugeben. Mit wehleidigem Blick sah Siegfried zu, wie Juliette sein ehemaliges Mobiltelefon in einer Schachtel verstaute. Wie viele Exemplare mochte es noch geben, außerhalb von Museen? Siegfried seufzte kurz. Warum nur wurde er das Gefühl nicht los, das Ende einer Ära zu erleben?
„Was hast du?“ Juliette klang irritiert.
„Ach nicht“, winkte Siegfried ab. „Ich glaube, ich habe jetzt alle meine Gegenstände abgegeben. Fehlt noch etwas?“
Juliettes Augen schienen für einen Moment in die Ferne zu wandern. „Nein, alles erledigt“, sagte sie nach einer Weile. „Alles andere läuft über „I know everything“. Soblad du das Gebäude verässt, wird deine Datenbank entsprechend aktualisiert.“
„I know everything“, das war der Slogan, unter dem die ersten „Interaktiven-Neuronalen-Omnischnittschtellen“, kurz „I-N-O-Implantate“, oder einfach „Ino“ einst angepriesen worden waren. „I know everything“, „I know everywhere“, „I know everytime“. Der Werbetext war Siegfried noch gut in Erinnerung. Dabei war er noch ein Kind gewesen, als er ihn das letzte Mal gehört hatte. Doch mit Werbetexten war es wie mit Kinderliedern: Man bekam sie so oft zu hören oder sehen, dass man sie nie wieder vergaß. Wohin man auch ging, es hatte kein Entkommen gegeben. Weder innerhalb eines Gebäudes – wo gefühlt an jeder Wand ein für Ino werbender Bildschirm angebracht gewesen war – noch draußen, wo man alle paar Meter ein preisendes Plakat passierte. Heute dagegen suchte man nach Plakaten wie Bildschirmen gleichermaßen vergebens. Siegfried fragte sich, ob die Organisatoren der Marketingkampagne sich darüber im Klaren waren, dass die Technologie, der sie zum Durchbruch verholfen hatten, ihre Werbemittel schon kurz danach verdrängen würde. Hatten sie womöglich die Konsequenzen ihres eigenen Erfolgs unterschätzt? Oder hatten sie sich mit der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts abgefunden? Immerhin benötigte Ino seit Jahrzehnten keine Werbung mehr. Vielleicht hatten die Marketingexperten damals schon die Zeichen der Zeit erkannt und wollten lediglich noch ein letztes Mal kräftig abkassieren.
„I know everything, hm? Schon zu meiner Kindheit habe ich diesen Satz nicht mehr gehört“, merkte Siegfried an. „Heute schwimmt man doch nur noch mit „Ino“ im Strom.“
„Schwimmen im Datenstrom? So spricht man aber schon noch länger nicht mehr.“ Juliette unterdrückte ein Kichern. „Inoline heißt es heute. Ich bin Inoline, nicht ich schwimme im Datenstrom.“
„Ja, ich weiß, ich bin alt“, winkte Siegfried ab. „Aber ich bleibe trotzdem bei meinem Datenstrom.“
„Aber die Wortwahl hat etwas, muss ich sagen“, sagte Juliette mit einem treuherzigen Blick.
„Danke“, nickte Siegfried. „Aber du musst an mir kein Vorbild nehmen. Du bist doch noch etwas zu jung, um schon so altmodisch zu wirken wie ich“, fügte er mit schwachem Lächeln hinzu.

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