Ewig jung dank Superenzymen?

Ist der Alterungsvorgang in Wirklichkeit nur eine Krankheit? Und wenn ja, ist sie heilbar? Diese Frage stellten sich bereits die alten Alchemisten. Ihr Lösungsansatz: Der Stein der Weisen. Er sollte den Alterungsvorgang einfach umkehren. Leider erwies sich der Plan als nicht umsetzbar. Dafür gibt es inzwischen andere Ansätze. Einer der Stoffe, auf dem so manche Hoffnung ruht sind die sogenannten Sirtuine. Es handelt sich dabei um bestimmte Enzyme, die in einer Vielzahl von Lebewesen (unter anderem dem Mensch) vorkommen. Durch ihre selektive Aktivierung erhofft man sich eine Reihe positiver Effekte: Unter anderem eine Verlängerung der Lebenszeit. Allerdings: Sirtuin ist nicht gleich Sirtuin. In Säugetieren (zu denen ja auch der Mensch gehört) gibt es 7 verschiedene, welche jeweils eine unterschiedliche Wirkung haben. Besonders interessant finde ich Sirtuin 1, denn dieses verfügt über eine gewisse Janusköpfigkeit: Den Umständen entsprechend kann es entweder tumorfördernd oder -hemmend sein. Dies scheint ein generelles Problem von Verjüngungstherapien zu sein. Wenn ein Körper nicht altern soll, dürfen es seine Zellen auch nicht – doch genau das tun sie. Gewöhnliche menschliche Zellen teilen sich maximal 40 – 60 mal – man spricht von der sogenannten Hayflick-Grenze. Ja und für „ungewöhnliche“ Zellen, welche sich theoretisch unendlich oft teilen können gibt es bereits einen Namen: Krebs. Leben ist, wie es scheint, immer eine Frage der Balance – in diesem Fall jene zwischen zu viel und zu wenig Zellwachstum. Dass Sirtuine eine wichtige Rolle beim Wahren diese Balance spielen scheint unbestritten. Ob Nahrungsmittelergänzungen, welche diese Enzyme aktivieren sollen, die Lebenszeit deutlich verlängern können, ist allerdings alles andere als erwiesen. Freilich hält das manche nicht davon ab, mit großspurigen Versprechen Geld verdienen zu wollen. Wie Leonid Schneider in seinem ausgezeichneten Blog berichtet, gibt es sogar Anbieter, die meinen mit ihren Anti-Aging-Produkten COVID-19 heilen zu können.

Erfolgsversprechender wirken da die Meldungen über Sirtuin-Diäten. Doch auch hier schadet eine gesunde Portion Skepsis nicht. Laut diesem Ernährungsplan soll man am ersten Tag einer Sirtuin-Diät gerade einmal 972 kcal zu sich nehmen. Nun, der Kalorienverbrauch einer durchschnittlichen Frau von 19 bis 25 Jahren beträgt 1900 kcal – bei einem Mann liegt er noch deutlich höher. Es stellt sich also die Frage, ob es die Nahrungsmittelergänzungen, oder eher der Nahrungsverzicht ist, der die Kilos purzeln lässt. Hinzu kommt, dass eine Reduzierung der aufgenommenen Kalorien nachweislich die Lebensdauer von Labortieren erhöht – beim Menschen ist man sich noch nicht ganz so sicher. Es könnte also sein, dass Sirtuine schlicht durch Hungern aktiviert werden.

Ein wirkliches „Superenzym“ sollte aber nicht erst durch Nahrungsmittelverzicht aktiv werden. Praktischer wäre es, wenn man es sich einfach selbst zuführen könnte. Hierfür sind jedoch zwei Hürden zu überwinden. Erstens müsste unser Superenzym den Verdauungstrakt überstehen. Zweitens müsste es in die Zellen gelangen, um dort seine Wirkung entfalten zu können. Die gute Nachricht: Es gibt Enzyme, die dies locker schaffen, und das ganz ohne Zusatz. Die schlechte Nachricht: Manche dieser Stoffe verringern oft die Lebenszeit, statt sie zu erhöhen (etwa das berüchtigte Rizin).

Dann ist da noch das Problem mit der Balance. Selbst wenn es gelingen sollte das Superenzym zu finden, dürfte man es nur sehr genau dosiert einsetzen. Auch muss dafür gesorgt werden, dass jede Zelle nur ihren exakten Bedarf erhält. Würde man das Superenzym einfach schlucken, bekäme aber gerade der Verdauungstrakt besonders viel davon ab. Damit sich der Stoff angemessen im Körper verteilt, müsste zuerst ein spezielles Verabreichungssystem entwickelt werden. Wir sehen schon, die Sache ist nicht einfach. Besonders kompliziert ist die Lage bei Patienten mit erhöhter Krebsanfälligkeit. Ihnen müsste man das Superenzym womöglich ganz vorenthalten.

Alles in allem scheint es also unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit ein echter und allgemeiner Jungbrunnen entdeckt wird. Wenn es ihn dennoch gibt, so vermutlich nicht in Form einer simplen Nahrungsmittelergänzung.

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