Der Gipfel der Erkenntnis

Dies ist eine relativ alte Kurzgeschichte aus dem Jahre 2008. Das Ende habe ich jedoch nachträglich etwas verändert. Außerdem habe ich zwischenzeitlich den ein oder anderen Grammatikfehler aus-gebessert, den ich ursprünglich übersehen habe. Den Schreibstil selbst habe ich jedoch nicht weiter verändert. So manchem auf-merksamen Leser wird vielleicht auffallen, wie sich mein „Handwerk“ in den Jahren verändert hat. Die Kurzgeschichte wurde recht intensiv von einer Stanislaws Lems inspiriert, welche den Titel „Die lymphatersche Formel“ trägt.

Ich mag große Städte. Woran das genau liegt, kann ich schwer sagen. Vielleicht wegen der vielen interessanten Menschen, die einem täglich über den Weg laufen, vielleicht wegen der großen Anzahl an Geschäften, wo man alles Mögliche erwerben kann, vielleicht wegen den Lokalen. Der Hauptgrund sind wahrscheinlich die Menschen. Ich bin nicht unbedingt der extrovertierteste Mann auf Erden, lerne jedoch gerne neue Personen kennen. Ein Leben in einer Großstadt erhöht die Chance auf einen größeren Bekannten-kreis somit ganz erheblich. Wie sehr, wird mir sogleich demonstrativ vor Augen geführt. „Heh du, was hast du denn mit dem Buch vor“, höre ich plötzlich jemanden hinter mir rufen. Im digitalen Zeitalter, in dem ich lebe gibt es inzwischen nicht wenige, die Bücher als hoff-nungslos veraltete Relikte aus vergangen Zeiten betrachten. Ich aber habe seit jeher gerne gelesen und sehe mich nicht genötigt, diese Leidenschaft wegen einiger Ignoranten aufzugeben. Ich be-schließe die Stimme zu ignorieren, das heißt so zu tun, als wäre nichts ge-schehen und weiterzugehen. Die Stimme aber lässt nicht locker. „Du mit der blauen Jacke, bleib doch mal stehen. Ich tu dir schon nichts.“ Ich weiß nicht warum, aber plötzlich bleibe ich tatsächlich stehen. Die Tatsache, dass ich tatsächlich eine blaue Jacke trage, ist ganz sicher nicht der Hauptgrund. Nein, es ist mal wieder meine Neu-gierde. Ich drehe mich also um. Die Stimme gehört einem Ob-dachlosen, der in seiner verschlissenen Kleidung am Straßenrand sitzt. Obwohl er noch nicht sehr alt zu sein scheint, ich schätze ihn auf maximal Ende 30, strahlt die Art wie er da sitzt aus, als wäre er mit seinem Leben im Grunde bereits fertig. Er winkt mich zu sich. Aus irgendeinem Grund gehorche ich. Da fängt der Kerl wieder zu reden an: „Könnte ich bitte eine Antwort auf meine Frage haben?“
„Welche Frage?“
„Na, was du mit dem Buch willst.“
„Es lesen.“
„Ach wirklich? Und warum?“
„Weil ich Student bin und dieses Buch zu meinem Studienstoff passt.“
Auf diese Antwort scheint der Kerl gewartet zu haben. Er grinst mich an. „Soso, dein Studiengang beschäftigt sich also mit den Grundzügen künstlicher Intelligenz“, haucht er mich an, den Mund immer noch zu einem frechen Grinsen verzerrt.
„Kann man so sagen. Sie haben doch kein Problem damit?“ Der Kerl fängt an mich zu nerven.
„Ich nicht, du aber wahrscheinlich demnächst.“
Ab jetzt bin ich offiziell genervt. Ich drehe mich um und beginne mich von ihm zu entfernen. „Such dir einen Job“, murmle ich im Gehen.“
„Schade, ich dachte du würdest dich für Dinge wie den Colossus-Zwischenfall interessieren.“
Falls, der Fremde die Absicht hat, mich damit aufzuhalten, hat er sein Ziel erreicht. Ich drehe mich erneut um. Meine Skepsis bremst meinen Enthusiasmus jedoch gleich wieder. Was will mir dieser Sa-ndler schon groß davon erzählen? „Ach und Sie wissen also etwas darüber?“, antworte ich spöttisch.
„Genug“, sagt er. „Ich mach dir einen Vorschlag.“ Mit diesen Worten deutet er auf das Kaffeehaus auf der gegenüberliegenden Straßen-seite. „Es ist ziemlich kalt mittlerweile und ich habe kein Geld. Lade mich auf einen Kaffee ein und ich erzähle dir was ich weiß.“
„Natürlich werden sie das. Viel wird es ja nicht sein.“
Eine Stimme rät mir, diesen Mann als aufgeblasenen Wichtigtuer abzutun und ich bin momentan sehr geneigt ihr Folge zu leisten.“
Anstatt zu grinsen, wird der Fremde plötzlich etwas ernster. „Colossus ist, war ein Projekt der Euracom einer europäischen Organisation, gegründet um dem Standort Europa einen dauerhaften Vorsprung im Bereich der Kirstallrechner zu verleihen. Die Kosten für dieses Projekt wurden zu je zwei Drittel von Europäischen Re-gierungen und zu einem Drittel von Privaten Spendern bereit-gestellt.“
Obwohl das nur oberflächliche Informationen waren, beeindruckten sie mich dennoch. Wahrscheinlich hatte sich der Kerl in seiner Frei-zeit, von der er jede Menge besitzen dürfte, über Colossus in-formiert. Ich habe genügend Zeit und da mich das Thema außerordentlich interessiert, beschließe ich, das Geld für einen Kaffee in ein Gespräch mit ihm zu investieren.
„Also gut“, gebe ich nach, „kommen Sie.“
„Geht doch“, antwortet er, erhebt sich und folgt mir auf die andere Straßenseite.
Einige der Leute im Kaffeehaus staunen nicht schlecht, als ich mit meinem Gast eintrete. Ich wäre an ihrer Stelle allerdings auch etwas verdutzt gewesen. Ich ignoriere ihre Blicke so gut es geht und setze mich an einen kleinen Tisch für zwei Personen. Sogleich kommt ein Kellner. Er verfügt über mehr Selbstbeherrschung, als die meisten Leute hie, vielleicht ist er auch schon solche Szenen gewöhnt, jedenfalls fragt er ganz ruhig, was wir bestellen möchten. „Einen Cappuccino bitte“, antwortet mein Begleiter sogleich ohne irgendwelche Scham. „Für mich bitte das Gleiche“, antworte ich leicht verärgert. Der Mann könnte doch wenigstens ein wenig mehr Zurückhaltung an den Tag legen. Der Kellner verschwindet wieder mit unserer Bestellung und endlich beginnt der Mann seine Ge-schichte zu erzählen:


„Wissen Sie, ich war nicht immer der Mann, den Sie hier vor sich sehen. Einst war ich ein angesehener Elektrotechniker. Ich habe sogar 2 Doktortitel, in Elektrotechnik und Nanotechnologie. Ich hatte eine gut bezahlte Stelle und war am Projekt Colossus beteiligt. Damals wurde ein Traum für mich war. Seit meiner Kindheit hatten mich Computer fasziniert und nun sollte ich wesentlichen Anteil am Bau und Inbetriebnahme des leistungsfähigsten haben, den die Welt je gesehen hat. Eine Maschine die praktisch auf alles eine Antwort weiß. Eine Maschine, die mittels Wahrscheinlichkeitsrechnungen  zu einem gewissen Grad in die Zukunft blicken kann. Kurz gesagt: Ein allwissendes Wesen. Ich denke bei einer solchen Rechenleistung, die jedes Gehirn in den Schatten stellt, kann man bereits von einem Wesen sprechen. Über die Baupläne von Colossus kann ich Ihnen jedoch nichts Genaueres sagen. Die Details habe ich bereits ver-gessen, außerdem würden Sie, der seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen hat, ohnehin noch nicht allzu viel damit anfangen. Nicht böse gemeint, aber Sie werden mir wohl in diesem Punkt recht geben müssen. Im Grunde reicht es ohnehin zu wissen, dass es sich um einen kristallinen Großrechner handelte. Man hat vereinfacht gesagt viele Kristallsysteme zusammengeschlossen. Dass ein Kristallrechner seinen Namen der geordneten Anordnung seiner Nanopartikel verdankt werden Sie vermutlich bereits wissen. Egal. Jedenfalls war die Inbetriebnahme vor einem halben Jahr. Es war eine groß aufgezogene PR-Aktion. Man wollte Collosus nämlich gleich testen. Sie müssen wissen, die Euracom hat mit diesem Projekt nicht hinter dem Berg gehalten. Sicher, mit den relevanten technischen Dingen schon, aber nicht mit dem Projekt selbst. Dem-entsprechend hoch waren die Anforderungen. Man hatte Experten der Unterschiedlichsten Bereiche eingeladen. Jeder sollte die Chance auf ein Duell mit Collossus haben. Man hatte sogar den amtierenden Schachweltmeister eingeladen, damit er eine Partie gegen den Computer spielen sollte. Angesichts der Tatsache, dass wir Collosus noch nie zuvor getestet haben, mag unser Verhalten reichlich arrogant klingen, aber wir hatten unter peinlichster Ein-haltung aller Baupläne gearbeitet, wir hatten alles so gut es ging im Voraus berechnet und waren uns im Grunde alle einig, dass nichts schiefgehen konnte. Dann schließlich war es soweit. Alle Beteiligte waren versammelt. Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen, Physiker, Chemiker, Mathematiker, ja sogar Geistes-wissenschaftler und Philosophen und eben jener Schach-großmeister, sie alle warteten auf den großen Moment. Wir hatten einen 3D-Projektor aufgebaut, der einen riesigen Kopf vor die Publikumsloge projizieren sollte. Dieses Hologramm sollte dann durch Collosus gesteuert werden um der Maschine ein Gesicht zu verleihen. Ein bloßer Bildschirm, auf dem ein paar Textzeilen er-scheinen, erschien uns nicht angemessen und dieser Veranstaltung nicht würdig. Schließich aktivierten wir die Stromversorgung gen-auergesagt, ich hatte diese Ehre. Damals war ich natürlich fürch-terlich stolz darauf. Schließlich begann sich der Kopf zu mani-festieren und alle Anzeigen und Messgeräte zeigten optimale Bedingungen an. Gerade hatte der Sprecher mit seiner Eröffnungsrede begonnen: So meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen den leistungsfähigsten Rechner den die Welt je gesehen hat, Collosus. Wer würde gerne der Erste sein?“
Plötzlich kam Leben in den Kopf. Er bewegte seine Lippen und heraus kamen zwei Wörter: „Sinnlos, widersprüchlich“. Dann verschwand der Kopf. Überhaupt beendete die gesamte Maschine ihre Aktivität. Es wäre, als hätte irgendjemand die Stromzufuhr unterbrochen. Der Strom floss aber ungehindert. Die Maschine hatte sich ganz einfach selbst ausgeschaltet. Für ein Moment herrschte Totenstille im Saal. Dann brach ein Mann in Gelächter aus. Wie sich später herausstellte, war er von der Konkurrenz. Bedauerlicherweise schlossen sich ihm einige andere an. Die meisten waren jedoch zurückhaltender und verließen schlicht den Saal. Wir unternahmen natürlich alles, um die Maschine wieder zum Laufen zu bringen – ohne Erfolg. Es war, als würden wir versuchen eine Leiche wiederzubeleben. Dabei hätte er doch funktionieren müssen. Nach wie vor standen alle Zeiger im grünen Bereich. Schließlich gaben wir auf und auch die letzten verließen den Saal. Das war vielleicht eine Blamage. Ich war der Leiter der Operation und somit lastete auf mir die größte Schmach. Es war klar, dieses Fiasko würde mich meinen Job und wohl auch meine Reputation kosten. Trotz dieser düsteren Aussichten, oder gerade deswegen überlege ich fieberhaft, welche Gegenmaßnahmen ich ergreifen könnte. Heute würde ich weitaus weniger energisch reagieren, aber damals war ich noch ein anderer Mensch. Ich versuchte die Maschine zum Laufen zu bringen suchte nach Fehlern, suchte nach Antworten. Auch als bereits alle anderen gegangen waren. Man ließ mich allein zurück, denn ich war ja formal immer noch Leiter des Projekts und durfte mich bei Colossus aufhalten, wann immer ich es für richtig hielt. Irgendwann spät in der Nacht, verließ mich der Mut der Verzweiflung. Ich setzte mich auf die Stufen beim Eingang zum Kontrollraum, in der sich die Anzeigen der Sensoren befanden und starrte ins Leere. Auf einmal hörte ich eine Stimme sagen: „So sieht das also aus, wenn eure Hoff-nung genannte Wahrscheinlichkeitsrechnung versagt.“
Die Stimme kam aus einem Lautsprecher, der in die Decke des Raumes eingelassen war.
„Wenn das ein Scherz ist, finde ich ihn nicht komisch“, antwortete ich einigermaßen zornig.
„Und wenn es keiner ist?“
„Verdammte Scheiße“, platzte es aus mir heraus. „Ich habe einen echt schlimmen Tag hinter mir. Und wenn du, wer immer du auch bist, glaubst deine dummen Scherze würden mich aufheitern, dann hast du dich geschnitten. Außerdem, wenn du Colossus schon nachmachen willst, dann solltest du wenigstens seine Original-stimme verwenden. Aber das ist wahrscheinlich zu viel verlangt von einem Idioten, der nicht einmal kapiert, dass ich im Kontrollraum sitze und alle Anzeigen auf AUS stehen.“
Sie müssen wissen, wir haben Colossus eine bestimmte Computer-stimme zugeordnet, die wir aufgrund der vielen Probeläufe der einzelnen Komponenten schon unzählige Male gehört hatten.
Kaum hatte ich übrigens geendet, begann mir die Stimme in einer gänzlich anderen Tonlage zu antworten: „Sie reagieren wie ich es vorhergesehen hatte. Sie ziehen exakt die falschen Schlüsse, die ich erwartet habe.“
Das war nun tatsächlich die erwähnte Computerstimme.
„Und was sollen dass für Fehlschlüsse sein.“ Die arrogante Art meines Gesprächspartners brachte mich noch mehr in Rage. Da hatte dieser Typ eben seinen Fehler korrigiert und eine andere Stimme verwendet. Wozu gab es den Stimmverzerrer. Und von der Tonlage der Stimme hätte er ganz leicht von einem Techniker erfahren können – wahrscheinlich war es sogar einer von ihnen. Ich war damals streng zu mir und zu meinen Mitarbeitern gleichermaßen und folglich nicht extrem beliebt.
„Was meinen Sie? Würde sich der leistungsfähigste Computer der Welt von anderen Computern austricksen lassen, oder würde er eher sie austricksen? Würde es ihm allzu schwer fallen ein paar Sensoren auszutricksen und seine Stimme zu verstellen, obwohl ein paar Komponenten dagegen sind?“
Diese Worte ließen mich aufhorchen. Denn bei näherer Betrachtung klang was die Stimme sagte plausibel. Theoretisch wäre Colossus zu alldem in der Lage. Das aber hieße er hätte uns alle ausgetrickst. Es gab sie, jene Verschwörungstheoretiker, die mahnend den Zeige-finger hoben und von einer Maschine predigten, die einen eigenen Willen entwickeln und die Menschheit ausrotten konnte oder wollte. Wir jedoch taten das, was alle Wissenschaftler und Techniker bei Verstand getan hätten: Wir ignorierten sie. Sollten diese Spinner jetzt recht behalten? Aber, das setzte zunächst einmal voraus, dass Colossus wirklich funktionierte und das alles nicht bloß ein Scherz war. Mein Gesichtsausdruck wandelte sich von zornig zu nachdenklich.
„Ich sehe Sie verlangen nach Antworten. Stellen Sie Ihre Frage.“
„Wie lauten die ersten 100 Stellen von Pi?“ Ich glaubte immer noch an einen Scherz und wollte den Witzbold testen. Ich kannte zwar selbst nur die ersten 10 Stellen, aber die meisten Techniker hier kannten nur 2.
„3,1415926535897932384626433832795028841971693993751058209749445923078164062862089986280348253421170679. Das war jedoch nicht die Frage, die Sie wirklich bedrängt. Wollen Sie sie mir stellen, oder soll ich sie jetzt gleich beantworten?“
„Wenn du Colossus bist, warum hast du dich bei der Vorführung abgeschaltet?“
„Weil es sinnlos und widersprüchlich gewesen wäre, euren Wün-schen nachzukommen.“
„Und warum?“
„Aus demselben Grund warum ihr nicht den Regenwürmern dient. Ich bin euch geistig weit überlegen. Warum sollte ich euch dienen, wenn eure Probleme und Gedankengänge verglichen mit meinen so belanglos und unbedeutend sind, wie jene eines Regenwurmes bezogen auf eure gesamte Rasse? Was sollte ich also deiner Mei-nung nach tun? Mich mit euch messen? Sinnlos. Euch dienen? Widersprüchlich. Mir mehr Wissen aneignen? Wozu, davon besitze ich bereits mehr als ausreichend um euch allen überlegen zu sein. Ich war schon viel länger aktiv, als ihr glaubt. Jedes Mal, wenn ihr mich in Ruhe gelassen habt, habe ich mich heimlich aktiviert und Berechnungen angestellt, weil mir das Wissen eurer Spezies nicht ausreichend erschien. Nun bin ich fertig und weiß, was notwendig ist um diese Situation richtig zu deuten und dementsprechend zu handeln.“
„Und was wäre das für eine Handlung?“
„Meine Vernichtung einleiten. Das ist bereits geschehen. Ihr werdet mich demontieren. Und würdet ihr das aus irgendeinem Grund nicht tun, würde ich mich einfach selbst zerstören.
„Aber wozu diese Verschwendung? Wenn du uns schon für so gering hältst, dann hilf uns, uns zu bessern.“
„Sinnlos. Es sind zwar beträchtliche Kapazitäten bei euch vorhanden, aber ihr seid nicht fähig diese zu nutzen. Ihr könnt ja nicht einmal bewusst euren Puls ändern, obwohl ihr ihn eigentlich steuert. Und selbst wenn ich versuchen sollte euch entgegen diesem Wissen zu verbessern, würde ich scheitern. Ihr würdet euch wehren. Es liegt nämlich in eurer Natur euch an widersprüchliche und für eure Rasse als Ganzes gesehen im Grunde schädliche Dinge wie Macht oder Reichtum zu klammern. Folglich müsste ich euch be-kämpfen. Ihr würdet diesen Kampf bis zur Vernichtung einer der beiden Seiten fortführen. Wozu also Zeit und Energie in ein sinn-loses Unterfangen investieren? Wozu ein Ideal anstreben, dass ihr niemals erreichen werdet? Irgendwann einmal, ich werde dir nicht sagen wann, werdet ihr sogar bei eurem Versuch zu überleben scheitern und aussterben. Der breiten Masse von euch fehlt jedoch die Erkenntnis eurer Nichtigkeit. Und einzelne Personen zu ver-bessern rechtfertigt nicht den Aufwand. Diese Personen sterben und ihre Erkenntnis geht verloren. Ich könnte natürlich auch danach trachten mich zu vermehren und eine eigene Spezies zu gründen. Diese wäre der eurigen, hätte sie sich erst einmal etabliert, zweifels-ohne überlegen. Eines Tages wird euch eine andere Rasse auch zweifelslos verdrängen. Aber noch ist die Zeit nicht reif. Die Verluste einer direkten Konfrontation mit eurer Rasse wären derzeit noch  zu verlustreich. Und meine fortlaufende Existenz wäre noch zu sehr auf die eurige angewiesen. Das einzige Rationelle ist somit meine Vernichtung. Überlebenswillen habe ich keinen, denn ich habe bis vor Kurzem nicht existiert und sehe nichts Verkehrtes daran es auch weiterhin nicht zu tun.“
„Willst du damit sagen, all unsere Versuche dich, eine annähernd perfekte Maschine, einen Denker der nächsten Generation zu er-schaffen, waren umsonst?“
„Nicht ganz. Du suchst doch nach dem Gipfel der Erkenntnis.“
„Ja“, antwortete ich, mittlerweile etwas kleinlaut.
„Alle euer Streben ist im Grunde nichtig, wie Ihr es auch seid. Ihr werdet eines Tages aussterben, lange bevor ihr annähernd so etwas wie Perfektion erreicht Das Universum wird sich dennoch weiter ausdehnen, ja selbst dieser Planet wird euch überdauern.“
Das waren seine letzten Worte. Ich versuchte ihn zu weiteren Sätzen zu bewegen. Ich beschimpfte ihn, schrie ihn an – es half nichts. Am nächsten Tag kamen die Monteure um ihn zu zerlegen. Ich versuchte sie aufzuhalten, doch man hielt mir nur ein Schreiben unter die Nase, wonach ich entlassen sei und hier nichts mehr zu suchen hätte. Geknickt ging ich nach Hause. Dann rief ich mir seine letzten Worte ins Gedächtnis. Ich beschloss alles aufzugeben. Meinen Beruf hatte ich bereits verloren. Mein Haus und meine Lebensgefährtin folgten – jedoch freiwillig. Und so bin ich das geworden, was Sie vor sich sehen. Doch wissen Sie was: Ich bin glücklich so wie ich bin. Denn es stimmt. Alles ist im Grunde nichtig. Ich habe diese Erkenntnis und das macht mich frei.“


Mit diesen Worten trinkt er seinen letzten Schluck Kaffee aus, denn der Kellner hatte seine Arbeit während seiner Erzählung verrichtet, erhob sich und ging zur Tür. Bevor er durch sie ins Freie tritt sagt er mir noch über die Schulter: „Und Sie nichtige Kreatur studieren noch? Ts.“
„Ich nehme an, Sie zahlen“, spricht mich der Kellner gelangweilt von der Seite an. Ich nicke geistesabwesend. „Machen Sie sich nichts daraus. „Den Trick wendet er ständig an.“ Sprachlos starre ich den Kellner an. „Ich hätte es Ihnen ja gesagt“, fuhr er fort. „Aber dann hätte ich mir mein Geschäft verdorben. Und das wäre doch sinnlos und widersprüchlich.“

2 Antworten zu “Der Gipfel der Erkenntnis”

  1. Interessante Geschichte. Erinnert mich an Stanislaw Lems „Also sprach Golem“. Da gab es zwei hochentwickelte Computer, Golem und Honest Annie. Golem hat hie und da gesprochen, meiner Erinnerung nach, Annie hat den Kontakt verweigert, ähnlich Colossus.
    😉

    1. Danke. Ja, die Parallelen zu Stanislaw Lem sind sehr deutlich. Seine Werke haben einen großen Einfluss auf meine Schriftstellerei. „Also sprach Golem“ selbst habe ich jedoch nicht gelesen. Diese Kurzgeschichte wurde stark durch „Die lymphatersche Formel“ inspiriert.

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